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Mittelalterliche Realienkunde

Wie lebte man im Mittelalter? Wie wurde gearbeitet, gewohnt, gegessen und gereist? Wie bildete und unterhielt man sich, wie wurde gefeiert? Die Realienkunde versucht, über die Erforschung der Sachkultur und des Alltagslebens im Mittelalter konkrete Antworten auf derartige konkrete kulturhistorische Fragen zu geben. Die mittelalterliche Realienkunde ist eine noch relativ junge historische Disziplin, deren Entstehen und Fortschritt mit dem steigenden Interesse an der realen mittelalterlichen Lebenswelt zusammenhängt. Die Realienkunde versteht sich allerdings nicht als eine neue historische Theorie oder Methode, sondern sieht vielmehr ihre Aufgabe in der Anwendung der bereits bestehenden historischen Methode zur Untersuchung der realen Umwelt des Menschen im Mittelalter unter Heranziehung eines breiten Spektrums von anderen Wissenschaften in interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Ein plastisches Bild vom Alltagsleben im Mittelalter kann nur entworfen werden, wenn über die Schriftkultur hinaus, die nur einen Teil der Kultur des Mittelalters wiedergibt und zudem weitestgehend nur von einem Teil der Gesellschaft getragen und geprägt wurde, in großem Umfang die Sachkultur des Mittelalters untersucht wird.

Im günstigsten Fall können hierzu die Originale, also die Gegenstände, die uns aus der Zeit ihrer Herstellung und Verwendung überliefert sind, herangezogen werden. Hierzu ein Beispiel: Im Herbst 1953 ließ die Äbtissin des Stiftes Wienhausen die Eichenbohlen des Fußbodens unter dem Chorgestühl des Nonnenchores abtragen. Diese Eichenbohlen waren in den sechseinhalb Jahrhunderten seit der Anlegung des Fußbodens so weit geschrumpft, dass sich zwischen ihnen sehr breite Spalten gebildet hatten. In diesen Spalten fand man neben allerhand Schmutz und Staub eine beträchtliche Anzahl von Gegenständen, die die Nonnen in das Chorgestühl mitgenommen und dort verloren oder vermutlich auch versteckt hatten. Darunter waren Messer, Lederscheiden, Spindeln, eine Schere, eine Eisennadel, mit Wachs überzogene Notizbüchlein und Notiztäfelchen, dazu Stili (Schreibgeräte, Stifte) aus Elfenbein und Holz, Brillen mit Leder- und Holzgestellen und sogar Rückenkratzer, weiterhin Rosenkränze, Geißeln, Andachtsbildchen, Pilgerzeichen, Gebetbücher, Gebetszettel, Professzettel, Bruchstücke liturgischer Handschriften, Texte von Osterspielen, Briefe, Brieffragmente und Rezepte. Die genaue Untersuchung dieses Fundes ergab nicht nur neue Aufschlüsse über eine verbreitete Form der spätmittelalterlichen Frömmigkeit, und zwar über die Frühgeschichte des sogenannten Kleinen Andachtsbildchens, sondern auch neue Erkenntnisse über die Frühgeschichte der Brille, da man Brillen mit Holzgestellen (Nietbrillen) vor dem Fund der Exemplare in Wienhausen für das 14. Jahrhundert nur aus Abbildungen auf Gemälden kannte.

Realienkunde

Kloster Wienhausen: Notiztäfelchen, Stili und Brille mit Lederfassung

Einige der gefundenen Gegenstände hatten wahrscheinlich die Bedeutung von Reliquien oder Opfern, die an einem ihnen entsprechenden Ort deponiert wurden. Der Fund einer Alraune zeigt zudem, wie weit der Bereich des Volksglaubens noch mit dem des "Aberglaubens" verbunden war.

Ein derartiger Fund kann zwar für die realienkundliche Forschung sehr wichtig sein, stellt aber nur einen geringen Teil der Quellenbasis der mittelalterlichen Realienkunde dar. Neben der originalen Überlieferung von Gebrauchs  bis hin zu Kunstgegenständen in Museen und Sammlungen wird zur Erforschung der Sachkultur des Mittelalters die große Masse der schriftlichen und bildlichen Quellen herangezogen.

So finden sich etwa in der Tafel- , Buch- und Glasmalerei, in Kupferstichen oder Holzschnitten ebenso Aussagen zum Alltagsleben im Mittelalter, wie in Rechnungsbüchern, Reiseberichten oder Chroniken. Die Vielzahl und die Vielfalt der Überlieferung besonders für das Spätmittelalter erlauben der Realienkunde nicht nur interessante Forschungsergebnisse für die verschiedensten Bereiche des Alltagslebens, sie stellen ihr auch eine wichtige und zudem äußerst umfangreiche Aufgabe, nämlich die der systematischen Erfassung und Auswertung der für den Bereich der Sachkultur relevanten Quellen.

(Wolfgang Bildt)

Literaturhinweise:

Dietrich W. H. Schwarz, Sachgüter und Lebensformen. Einführung in die materielle Kulturgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, 1970.
Gerhard Jaritz, Zwischen Augenblick und Ewigkeit. Einführung in die Alltagsgeschichte des Mittelalters, 1989.

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