
Die Numismatik beschäftigt sich mit den Münzen und dem Geldwesen von der Erfindung der Münze im 7. Jahrhundert vor Christus bis heute. Grundlage der Beschäftigung mit Münzen ist ihre Bestimmung: Wo kommt eine Münze her, wann wurde sie geprägt? Heute steht die Antwort auf beide Fragen auf unserem Geld, früher war das keineswegs die Regel. Für ein münzendes Territorium (z.B. ein Fürstentum, eine Stadt, ein Hochstift) wird daher versucht, einen Katalog aller dort geprägten Münzen aufzustellen. Dabei ist auch zu bedenken, dass es zeitgenössische (zum Schaden des Staates) oder moderne Fälschungen (zum Schaden des Sammlers) geben kann. Solche Kataloge, eigentlich erst die Grundlage der wissenschaftlichen Numismatik, gibt es heute noch längst nicht für alle Gebiete.
Die Numismatik befasst sich aber auch mit zahlreichen anderen Themen: Münzfunde, die auch heute noch immer wieder auftauchen, aber oft verheimlicht werden, werden als Quelle für den Geldumlauf ausgewertet. Für die Wirtschaftsgeschichte lassen sich so Fernhandelsbeziehungen nachweisen, wenn z.B. bayerische Münzen des 11./12. Jahrhunderts an der Ostsee oder arabische Münzen dieser Zeit im westlichen Rußland gefunden werden. Metalluntersuchungen von Münzen lassen Rückschlüsse auf die Metallherkunft und frühen Bergbau zu. Auch dafür interessiert sich die Wirtschaftsgeschichte.
Schriftliche Quellen werden ausgewertet in Bezug auf Münzsysteme (100 Pfennige sind erst seit 1840 eine Mark), auf Rechenmethoden (wie gut konnte ein mittelalterlicher Händler rechnen?), auf das Münzrecht (wer durfte Münzen prägen?), auf die Geschichte der Preise (wieviel kostete im Jahr 1089 eine Tagesverpflegung, wieviel verdiente ein Arbeiter?), auf die Frage von Wechselkursen (auch im Mittelalter musste man beim "Grenzübertritt" Geld wechseln). Schließlich interessiert sich der Numismatiker auch für das aufkommende Bankwesen (schon im Spätmittelalter gab es bargeldlosen Zahlungsverkehr, z.B. von Deutschland nach Italien).
Augustalis Kaiser Friedrichs II., 1231, Münzstätte Brindisi
Neben der engen Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsgeschichte sind die Forschungsgebiete der Numismatik auch für andere historische Fächer von Bedeutung. Der Historiker stößt in Quellen oft auf Probleme bei Münzbezeichnungen und Münzwertverhältnissen, für deren Lösung er die Numismatik heranziehen muss. Eine Münzprägung als Finanzquelle eines Fürsten kann auch für die politische Geschichte von Bedeutung sein. So dienten Münzverschlechterungen dem preußischen Staat zur Finanzierung des Siebenjährigen Krieges 1756-1763. In der Kunstgeschichte werden Münzen ebenfalls als Quelle verwendet. Auch die Archäologie des Mittelalters stützt sich in Datierungsfragen oft auf Münzfunde.
Zwar gibt es wenige spezialisierte Numismatiker, jedoch kommt kaum ein Historiker ohne einschlägige Kenntnisse in der Numismatik aus.
(Hubert Emmerig)
Arnold Luschin von Ebengreuth, Allgemeine Münz- und Geldgeschichte des Mittelalters und der neueren Zeit (Handbuch der mittelalt. und neueren Geschichte 4,10), ND 1976.
Arnold Suhle, Deutsche Münz- und Geldgeschichte von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert, 2. Aufl. 1964.
Fritz Verdenhalven, Alte Meß- und Währungssysteme aus dem deutschen Sprachgebiet, 2. Aufl. 1993.
Niklot Klüßendorf, Münzkunde, 2009.