
Die Welt ist geschrumpft! Von Hamburg bis Hongkong, von New York bis Sydney werden heute Geschäfte gemacht und Nachrichten darüber verbreitet. Dabei entscheidet das Datum - no future für Börsenkurse von gestern. Dies ist nur auf der Basis einer einheitlichen Zeitrechnung möglich, die erst in diesem Jahrhundert erreicht wurde. Den wichtigsten Schritt dazu unternahm Papst Gregor XIII. im Jahre 1582, als er den Julianischen Kalender durch ein einmaliges Überspringen von zehn Tagen reformierte.
Ein günstig ungünstiger Zeitpunkt: günstig, weil die Reform über die Kolonialmächte zugleich in der Neuen Welt eingeführt werden konnte, ungünstig, weil die Glaubensspaltung ihre Einführung in protestantischen Ländern verzögerte (z.B. England 1752). Im Bereich der orthodoxen Kirche wurde der Gregorianische Kalender gar erst in diesem Jahrhundert eingeführt (Rußland 1918). In diesen Ländern galt bis dahin, wie vor 1582 überall in Europa, der von Julius Caesar 46 v. Chr. auf der Grundlage des Sonnenjahres eingeführte Julianische Kalender.
Jedoch nicht nur für den Umgang mit den voneinander abweichenden Kalendern, die aufgrund der ungleichzeitigen Durchführung der Kalenderverbessung nebeneinander verwendet wurden, gibt die Chronologie die nötigen Hilfsmittel zur Hand. Im Mittelalter wurden etwa in der Jahresbezeichnung so verschiedene Zählungen wie die heute übliche der Jahre nach Christi Geburt, die nach der Indiktion, einem 15jährigen aus der spätantiken Steuergesetzgebung stammendem Zyklus, oder die nach den Regierungsjahren von Kaisern, Königen und Päpsten gebraucht. Zudem konnte der Jahreswechsel selbst auf uneinheitliche Termine - die Epochentage - fallen, die etwa im Circumcisionsstil auf den 1.Januar, im Nativitätsstil auf den 25.Dezember oder im Annunciationsstil auf den 25.März (vor oder nach unserem Jahresanfang) festgelegt waren! Auch die Tagesbezeichnung erfolgte nach den verschiedensten Systemen. So wurde beispielsweise neben der römischen Datierung nach Kalenden, Nonen und Iden oder der heutzutage gebräuchlichen Datierung nach Monatstagen auch die nach den Fest- und Heiligentagen verwendet.
Die Chronologie als Lehre von den Grundlagen und dem Gebrauch der Zeitrechnung untersucht und beschreibt die unterschiedlichsten Formen der Datierung und ihre zeitlich und regional verschiedene Anwendung und ermöglicht somit dem Wissenschaftler sowohl die richtige Deutung, als auch die Überprüfung und unter Umständen sogar die Korrektur überlieferter Zeitangaben.
(Jutta Niederlechner)
Hermann Grotefend, Abriss der Chronologie des deutschen Mittelalters und der Neuzeit (Grundriss der Geschichtswissenschaft 1,3), 2. Aufl. 1912.
Anna-Dorothee von den Brincken, Historische Chronologie des Abendlandes. Kalenderreformen und Jahrtausendrechnungen, eine Einführung, 2000.
Thomas Vogtherr, Zeitrechnung. Von den Sumerern bis zur Swatch, 2001.
Hermann Grotefend, Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, 1898, 14. Aufl. 2007.